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Animation: © Vesuvius Challenge (2026) · CC BY-NC 4.0

Rückblick: Bereits im Februar 2024 konnte hier über
die ersten Erfolge der Vesuvius Challenge berichtet werden: Höchst faszinierend: KI rekonstruiert bisher unbekannten Text aus verkohlten Papyri. Damals war es gelungen, einzelne Textpassagen zu entziffern.

Am 25. Juni 2026 gab die Vesuvius Challenge einen weiteren Meilenstein bekannt: Die Papyrusrolle PHerc. 1667 wurde erstmals vollständig digital entrollt! Der erhaltene Text konnte von Anfang bis Ende gelesen werden, ohne dass die Rolle physisch geöffnet werden musste.

PHerc. 1667 (Bildquelle: www.euronews.com)


Wichtig ist hier aber: Nicht die ursprünglich vollständige Rolle ist erhalten geblieben, sondern nur ihr innerer Kern. Dieser erhaltene Teil konnte erstmals durchgehend gelesen werden.

Vom Objekt zum Text. Die ungeöffnete, verkohlte Papyrusrolle (oben links); Querschnitte der Röntgenaufnahme, die den spiralförmigen Verlauf des Papyrus im Innern sichtbar machen (oben); und die virtuell entrollte Oberfläche, auf der die Kolumnen der griechischen Schrift zum Vorschein kommen, sobald die Tintenspuren rekonstruiert werden (unten).
(Bildquelle: scrollprize.org/firstscroll)

Die Ergebnisse sind bemerkenswert:

  • Rund 1.4 Meter Papyrus mit 22 erhaltenen griechischen Textkolumnen konnten erschlossen werden.
  • Der Text behandelt ethische Fragen und lässt sich der stoischen Philosophie zuordnen.
  • In der letzten erhaltenen Kolumne wird Aristokreon erwähnt, ein Neffe und Schüler des Stoikers Chrysippos.
  • Die Forschenden datieren den Text ins 2. Jahrhundert v. Chr.

Quellen

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 1. Oktober 2026, Nr. 226, S. 12

Theater wie Netflix, nur besser

Mit Roland Schimmelpfennigs Argonauten-Zyklus „Fremde Sonne“ setzt Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ihre Antikenserie fort. Ein Ereignis von acht Stunden Dauer.
Von Christine Dössel
Am Ende reißt es zwar nicht das gesamte Publikum von den Sitzen, wie man es hier auch schon erlebt hat, doch die Begeisterung ist riesig. Langer, liebender, dankender Beifall. Man spürt Theaterglücksfunken stieben. Der Jubel gilt einem herausragenden Schauspielereignis – einem „Marathon“ von eindrucksvoller Machart und insgesamt acht Stunden Dauer, der sich wohldosiert, mit zuschauerschonenden Pausen, über zwei Tage zog. Künftig kann, wer will, einzelne Folgen des exquisit besetzten Mehrteilers auch gesondert buchen. Exzesserprobte Castorf-Fans können über so einen Häppchen-Schongang nur milde lächeln.

„Fremde Sonne“ heißt der neue Antikenzyklus von Roland Schimmelpfennig am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, inszeniert von der Intendantin Karin Beier in Anknüpfung an jenen Überraschungserfolg, der demselben Produktionsteam vor drei Jahren mit dem Theben-Projekt „Anthropolis“ gelang. Damals ging es in fünf Teilen – Überschreibungen der Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides – um das Haus der Labdakiden und dessen Verstrickung in Gewalt und Unglück. Von Dionysos und Laios über Ödipus bis hin zu Antigone. Antiken-Theater zum Bingewatchen wie bei einer Netflix-Serie. Das Publikum schien nur darauf gewartet zu haben, so groß war der Zuspruch.
Jetzt also die neue Staffel, im Grunde ein Prequel. Denn „Fremde Sonne“ kreist elliptisch um die Argonautensage, also um die Geschichte von Iason und dem Goldenen Vlies, diesen Uralt-Mythos der griechischen Welt, älter noch als die durch die Kinoverfilmung von Christopher Nolan derzeit wieder so beliebte „Odyssee“. Die Antike hat gerade Konjunktur.

Ist die „Odyssee“ eine Heimkehrergeschichte, geht es bei den Argonauten um Aufbruch und Eroberung: der Mensch als Raubzügler, Kapitalist und Kolonisator, sogar in der Liebe noch ein Beutegreifer. Schimmelpfennig erzählt davon mit heutigem Blick in vier neu geschriebenen Stücken, „Fremde Sonne I-IV“, wobei er dem ersten Teil („Die Argonauten“) einen 50-minütigen Prolog („Der goldene Widder“) und ein halbstündiges „Zwischenspiel“ in der Höhle eines Zentaur vorangesetzt hat. Man kann deshalb auch von sechs Texten sprechen.

Dadurch, dass Schimmelpfennig die Vorgeschichte mitliefert, reißt er einen erfreulich weiten Horizont auf, mit Platz für theaterbeflügelnde Fabelwesen und Phantasmagorien ebenso wie für ein erklärendes „Who is Who“ der antiken Sagenwelt. Also, es ist so: Der liebeskranke Gott des Meeres verschleppt und vergewaltigt die schöne Sternbildzeichnerin Theophane und zeugt mit ihr einen goldenen Widder, Chrysomallos. Dessen Fell wird als das Goldene Vlies so etwas wie der Heilige Gral der Antike, ein unglaublich wertvolles, Reichtum, Licht und Macht bringendes Teil.
Um dieses zu erbeuten, machen sich Iason und seine Männer mit der Argoauf die Reise ins ferne Kolchis an der Schwarzmeerküste, damals das Ende der Welt. Dort regiert der brutale Aietes, der das Vlies natürlich nicht freiwillig rausrückt. Wie dessen Tochter Medea sich unsterblich in Iason verliebt und ihm hilft, das Fell zu rauben, erzählt Schimmelpfennig in einer therapeutischen Familienaufstellung im zweiten Teil seines Zyklus („Medea in Kolchis“); während der dritte Teil („Medea in Korinth“) die bekannte Tragödie um die nun verlassene Frau, Rächerin und Kindsmörderin variiert. Der Autor greift in diesem Fall auf Euripides und Grillparzer zurück.

Im vierten und letzten Teil schließlich („Medea in Athen“), der erst im Februar herauskommen wird, liefert Schimmelpfennig ein Satyrspiel darüber, wie in einem heutigen Kontext Medeas Fort- und Eheleben an der Seite von Aigeus aussehen könnte, dem König von Athen. Wolfram Koch, der ihn spielen wird, kommt bereits gegen Ende von Teil drei lässig (und ein bisschen albern) auf einem Lastenfahrrad angekurvt und verspricht der Ausgestoßenen, gespielt von der zuverlässig tollen Lina Beckmann, Asyl. Wie lakonisch-poetisch Schimmelpfennig den alten Stoff in die Moderne holt, wie nonchalant er Vers- und Alltagssprache verschränkt und aus dem Mythos heraus immer auch die Gegenwart meint und streift, ist virtuos. Es ist eine große Erzählung, die er da schafft, eine überzeitliche Menschheitsgeschichte mit Fantasy-Aspekten, Action- und Liebesszenen, die seinsphilosophische Fragen aufwirft und ins Herz der Finsternis trifft. Dabei macht er nicht mal große Worte und schon gar keinen pathetischen Wirbel, lieber hier und da einen Witz.
Diese Spielvorlage ist eine Steilvorlage für Karin Beier und ihr Granaten-Ensemble. Sie geben dem Theater, was des Theaters ist. Zweieinhalb Jahre haben sie daran gearbeitet. Ein Megaprojekt, uraufgeführt nicht nur auf großer, sondern auf riesengroßer Bühne, gestaltet von Altmeister Johannes Schütz in geradezu erlesener Schwärze, ausgestattet in symbolstarkem Minimalismus. Für die sehr feine Soundkulisse ist Jörg Gollasch zuständig, für die Lichtdramatik Annette ter Meulen. Der magische Dreiklang in der Höhle des Zentauren, das Tropfen von Wasser, die neblige Atmosphäre, das Knarzen im Gebälk – all das ist von ausgesuchter Stimmigkeit und Präzision.
Beier schafft, gerade im ersten Teil, große, beeindruckende Bilder, unterstützt von einem vierköpfigen Bläserensemble und einem Frauenchor mit rhythmisch schlagenden Hölzern und fremdartigem Gesang. Der anfängliche Tanz einer jungen Frau, ein Bild von Unschuld und Schönheit, wird abgelöst von einer Angler-Szenerie auf nasser Bühne, die sich alsbald in eine Fischhalle verwandelt, wo die Menschen von Iolkos fleißig ihrer Arbeit nachgehen. Sie werden reich, der Handel floriert, aber glücklich werden sie nicht.
Später, wenn die Argonauten lossegeln‚ um in die triste Stadt „das Licht zurückzuholen“, gibt es grandiose Schiffsszenen. Ein Heer von muskulösen Statisten legt in Form einer Stabtanz-Choreografie imposante Ruderszenen hin. Die Bühne, im Sturm geflutet, wirft flirrende Reflexe an die Decke. Auf der langen Reise brechen sich Ängste, Paranoia, Lagerkoller Bahn. Grassierender Wahnsinn. Anflüge von „Apocalypse Now“. Bjarne Mädel, seit Langem mal wieder auf einer Theaterbühne, hat als Schiffskoch Amphion eine kultverdächtige Running-Gag-Nummer mit einer von ihm philosophisch aufgeladenen Dose Ravioli. Und der anrührende Kristof Van Boven hat als Flügelwesen – und später in Kolchis als Medeas verkrüppelter und schlussendlich zerstückelter Bruder Absyrtos – ohnehin eine ganz eigene Verzauberungskraft.
Es nötigt einem Bewunderung ab, wie Beier ihre Inszenierung im Griff hat, wie sie sie archaisch aufwallen und dann wieder zur Ruhe kommen lässt, wie sie Kabinettstückchen und komische Intermezzi einbaut. Während einer Umbaupause quetscht sich die schauspielerische Allzweckwaffe Lina Beckmann, der Star des Abends, unterm Vorhang durch, um das Publikum zu bespaßen. Da wird dann Eiskonfekt verteilt, und wenn die Argo in See sticht, knallen im Parkett Konfettikanonen.
Das ist alles so astrein getaktet und well made, dass man sich manchmal fast etwas Störendes wünschte, etwas Ungebändigtes, den Perfektionsrahmen Sprengendes. Nicht gemeint ist damit freilich der krankheitsbedingte Ausfall von Michael Wittenborn zwei Tage vor der Premiere. Schimmelpfennig selbst sprach an seiner Statt die einführenden Verse. Die Rolle des Orpheus, den Wittenborn auf der Argogespielt hätte, ließ man weg, und in der „Medea“-Tragödie sprang der tapfere Samuel Weiss für ihn als Kreon ein, lernte sogar auf die Schnelle den Text, wofür er einen Extra-Applaus bekam. Aber er war halt trotzdem nur ein Einspringer, sein Kreon blass.

Man ist natürlich auch verwöhnt. Denn schauspielerisch bietet dieser Theaterraubzug in die Urgründe der Gier unserer westlichen Zivilisation Goldstandard. Mit welch staksig-körperexpressiver Spannkraft etwa Mirco Kreibich den Zentaur Cheiron spielt, ist zum Niederknien furios. Der versoffene Pferdemensch, der sein eigenes Höhlengleichnis entwirft („Fick dich, Platon!“), war einst der übergriffige Lehrmeister von Iason (Devid Striesow) und Herakles (Markus John). Mit klugschwätzerischer Penetranz erscheint er den herangereiften Helden noch immer im Traum, wiewohl sie ihn getötet haben. Szenen von buchstäblich fabelhafter Komik.

Devid Striesow, hier ein Obelix mit strähnigem Blondhaar und Schnauzer, spielt den Argonautenführer Iason als Möchtergernmacker, der insgeheim weiß, dass er „durchschnittlich ist bis auf die Knochen“. Er offenbart seine innere Waschlappigkeit gerade auch in den Szenen mit Medea sehr schön, wenn er auf die Unbedingheit trifft, mit der die dampfwalzende Lina Beckmann als Kolchis-Marilyn ihn niederküsst. Zwar kennt man sie schon, die Kniffe und treuherzigen Blicke dieser Dynamokomikerin. Aber man muss sie einfach lieben.

Die Szenen in Kolchis als Therapiesitzung anzulegen, aus der heraus die Patienten jeweils ihre eigene Version der Geschichte erzählen, ist ein kluger Dreh. Sie kommen dabei ins Spielen, Fragen und Lügen. Was ist die Wahrheit? Wer nutzt wen aus? Wer hat Schuld? Traumatisiert sind sie alle. Neu hinzu kommt in diesem Teil Sebastian Blomberg als sichtlich gestörter König Aietes mit Maschinengewehr und Hackebeil. Ein Psychiatriepatient mit Diktatorkomplex.
So verengt und fokussiert sich die Inszenierung immer mehr, bis sie am Ende fast kammerspielartig – und allzu konventionell – auf die Tragödie zoomt: Medea, von Iason verlassen, tötet ihre zwei Kinder und löscht alles aus. „Rache“, spricht sie, „ist der Untergang der Welt. Nichts schafft größeres Leid.“ Lina Beckmann kann auch das: emotionale Wucht erzeugen. Stampfend, griechisch schreiend, kalt erstarrend. Markerschütternde Unterstützung erhält sie durch einen im gesamten Theatersaal verteilten Chor von Klagefrauen. Die Migrantinnen-Geschichte jedoch, die auch in „Medea“ steckt, die bleibt stark unterbelichtet. Aber man kann nicht alles haben.

Mahnwort zur Ferienmitte ;-)

August Boeckh (1785–1867)
Klassischer Philologe, Altertumsforscher


Nulla in re, quantum intermissio noceat, magis licet cernere quam in litteris: in quibus sine assidua contentione ac vigiliis parum proficias, ac si quando cessaveris, ea, quae tenueras, maiore celeritate obliviscare, quam didiceras.

Nirgends ist deutlicher ersichtlich, wie schädlich eine Unterbrechung ist, als bei Sprache und Literatur; bei diesen dürfte man ohne ausdauernde und wachsame Anstrengung kaum etwas erreichen. Wenn man aber einmal eine Pause einlegt, dürfte man, was man beherrscht hatte, schneller vergessen, als man es gelernt hat.

Quellen:

  • August Boeckh, Gesammelte kleine Schriften – Band 4: Opuscula Academica Berolinensia, Leipzig 1874 (Reprint: Hildesheim 2005), S. 76 (Volltext auf: archive.org)
  • Übersetzung nach: www.gottwein.de (Theorie und Praxis der Hausaufgaben)
  • Wiki-Artikel: August Boeckh (1785–1867)

Hyperion, Jupiter und Prometheus – warum Zuckerberg, Bezos, Musk ihre Produkte nennen wie Figuren aus der antiken Mythologie.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Juli 2026, S. 9

Prometheus ist der Freund der Menschen, stolzer Vertreter des Titanengeschlechts. Außerdem ist er Pate für Jeff Bezos’ neuestes Unternehmen. Kaum acht Monate nach Geschäftsaufnahme ist das Unternehmen des Amazon-Gründers im glühend überhitzten KI-Hype angeblich schon 41 Milliarden wert. Das Versprechen: Künftig werde KI nicht nur Texte schreiben und Computercode generieren. Sondern physische Objekte wie Autos, Züge oder eben gleich Raumschiffe. Da erschien die Referenz zum Titanen, der der Menschheit das göttliche Feuer schenkte, wohl passend.

Die Hybris ist gar nicht so subtil und Bezos mit seinen Anleihen in der Antike nicht allein. In den vergangenen Wochen und Monaten ploppten in den Vorgärten und Naturschutzgebieten der USA riesige Rechenzentren mit Namen wie Hyperion, Jupiter, Zeus oder Colossus auf. Es gibt sogar noch ein zweites Prometheus-Projekt – ein weiterer Datenpark, diesmal vom Meta-Konzern gebaut. Mit einer Fläche, ähnlich groß wie die Insel Manhattan, und einem Stromverbrauch von annähernd einem Gigawatt – so viel, wie ein Kernkraftwerkblock leistet. Andere Standorte tragen Namen wie The Citadel oder Excalibur. Ein bisschen Größenwahn, ein bisschen Allmachtsanspruch. Man kennt das inzwischen. Dass sich das nun auch in der Nomenklatur niederschlägt, ist da nur konsequent. Technologie, so scheint es, soll den gemeinen Sterblichen wieder ehrfürchtig erschauern lassen.

Im Silicon Valley scheint die Faszination mit der griechischen Mythen- und Sagenwelt überraschend tief zu gehen. Das wäre fast ein bisschen niedlich, würde es im Umkehrschluss nicht auch dazu führen, dass man glaubt, die alleinige Deutungshoheit über den Schoß des Abendlandes zu haben. Wie ist es sonst zu erklären, dass sich etwa Elon Musk – und mit ihm freilich eine ganze Heerschar seiner Sykophanten – seit Monaten an der diese Woche anlaufenden Neuverfilmung der Odyssee abarbeitet? Vor allem wegen vermeintlich fragwürdiger Casting-Entscheidungen und wegen vermeintlich zu bunter Kostüme, die nicht so recht zum eigenen alabasterweißen Bild der Antike passen wollen.

iPod und Myspace sorgten für Identität und Selbstvergewisserung, Technik fühlte sich weich und hilfsbereit an

Ein Blick in die jüngere Technikgeschichte bestätigt den Kulturwandel. Früher waren My- und i- die beliebtesten Vorsilben von neuer Technologie. Der iPod und Myspace, das sorgte für Identität und Selbstvergewisserung. Technik fühlte sich weich und hilfsbereit an, wie ein guter Freund. Dann kamen Start-ups wie Flickr oder Tumblr. Was wie ein willkürlicher Krieg gegen Vokale wirkte, war in Wahrheit der Versuch, bereits belegten Internetadressen auszuweichen. Später wurde Technik mit Produkten wie Siri oder Alexa konsequent anthropomorphisiert. Die Maschine sprach uns mit Frauenstimme an, hörte zu, antwortete geduldig.

Der neueste Trend wirkt da schon deutlich weniger freundlich. Und weil Sprachkonventionen ja auch immer zur Konstruktion der Welt beitragen, lohnt es sich, hier zum Zwecke der Herrschaftskritik noch ein wenig näher hinzuschauen. Denn neben den Vorbildern aus der Antike gibt es noch ein zweites Namensreservoir für zeitgenössische Technologie: Fantasy- und Science-Fiction-Literatur. Zum Beispiel Anduril, Erebor und natürlich Palantir – alles mehr oder weniger gruselige Tech-Firmen. Und Artefakte und Orte aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum.

Erebor, das ist die sagenumwoben reiche Zwergenfestung im einsamen Berg. Heutzutage wurde daraus eine Digitalbank zur Finanzierung der neuesten Silicon-Valley-Deals. Anduril ist ein mythisches Schwert, im Originalwerk passenderweise auch „Flamme des Westens“ genannt, und steht nun Pate für einen Militärtechnik-Konzern, der autonome Drohnenwaffen entwickelt. Den Namen Palantir kennt inzwischen sogar schon das „Tagesschau“-Publikum, weiß aber womöglich nicht, dass es sich ursprünglich um sogenannte „sehende Steine“ handelt, vor deren Benutzung sogar Übermagier Gandalf zurückschreckt. Selbst die Standorte des Datenkonzerns, der nach Einschätzung von Kritikern anstrebt, das „Betriebssystem“ der westlichen Welt zu werden, sind nach Tolkiens Orten benannt – The Shire, Rivendell und Gray Havens. Seine Softwareprodukte wiederum – Gotham oder Metropolis – sind Anspielungen auf Superhelden-Comics.

To grok ist in dem Buch ein Verb, das so viel wie „grundlegend verstehen“ oder „vereint sein mit“ aussagt

Der Name von Elon Musks Grok-KI stammt dagegen aus einem Science-Fiction-Roman, namentlich „Stranger in a Strange Land“ von Robert A. Heinlein. To grok ist in dem Buch ein Verb, das so viel wie „grundlegend verstehen“ oder „vereint sein mit“ aussagt. Das ist umso lustiger, wenn man weiß, dass das Sprachmodell vor allem dafür bekannt ist, wildeste Rassismusrelativierungen von sich zu geben oder nicht-konsensuelle Nacktfotos zu produzieren. Mit etwas weniger Pennälerhumor nähern sich die beiden großen KI-Konzerne dem Trend. Anthropic nennt seine Sprachmodelle „Mythic“ oder „Fable“. Dazu passt, dass der Zugang zu den vermeintlich übermächtigen KIs neuerdings von der US-Regierung eingeschränkt wird. Open AI hat derweil gleich drei Versionen der neuen GPT-5.6-Reihe im Angebot: Terra, Luna und Sol. Das klingt zwar nicht ganz so titanenhaft, aber immer noch recht bedeutungsschwanger.

Blickt man mit der Branding-Brille auf diesen Trend, ist das sicherlich gar nicht so eine gute Idee. Schließlich lernen schon Marketing-Erstsemester, dass ein guter Name zu ungefähr gleichen Teilen beschreibend, leicht zu erinnern und auszusprechen zu sein hat. Es gibt eigens Agenturen, die fürstlich dafür bezahlt werden, sich vermeintlich gute Markennamen auszudenken. Vielleicht wurden die holprigen Namen aber auch mit voller Absicht gewählt. Wer will schon, dass das Riesenrechenzentrum, das den Anwohnern das Trinkwasser abgräbt, den Strom verteuert, die Natur zerstört – und dann auch noch in aller Munde ist? Man könnte die abseitigen Namen also auch als Insider für die Elite deuten, vermeintlich zu komplex fürs gemeine Volk.

Wie immer wird auch diese Mode mit Sicherheit wieder verschwinden. Bis dahin kann man mit den mehr oder weniger beabsichtigten Parallelen noch ein wenig Spaß haben: Die halbwegs humanistisch Gebildeten wissen, dass es mit Prometheus kein gutes Ende nahm. Als Strafe für seinen Frevel wurde er von den Göttern im Kaukasus an einen Berg gekettet. Dort bediente sich ein Adler an seiner immer wieder nachwachsenden Leber. Den Menschen aber schickte Zeus, quasi als Sippenhaft, Pandora mit ihrer Büchse. Die Gleichnisse schreiben sich fast von selbst.

Schöne Ferien

Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.)
Politiker, Anwalt, Schriftsteller, Philosoph

Mihi enim liber esse non videtur,
qui non aliquando nihil agit.

Der scheint mir nämlich nicht frei zu sein,
der nicht hie und da einmal gar nichts tut.

Cicero, de oratore 2.24